Erfahre alles zu aktuellen Vorschriften, neuen Schulungen und Trends rund um sichere Arbeitsplätze.
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Lästern am Arbeitsplatz hat keinen guten Ruf. Es gilt als unprofessionell, verletzend und oft sogar als toxisch für das Betriebsklima. Doch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen ein überraschend anderes Bild: Richtig eingesetzt kann Klatsch und Tratsch sogar positive Effekte auf Teams und deren Leistungsfähigkeit haben.
Im Rahmen eines Radiointerviews bei dem Radiosender RPR1 spricht Arbeits- und Organisationspsychologe Jonas Keppeler darüber, warum Lästern nicht nur ein soziales Grundbedürfnis ist, sondern auch wichtige Funktionen im Arbeitsalltag erfüllt – und wann es gefährlich wird.
Sprecher: Wir machen es doch alle! Ich weiß, viele geben es nicht zu, aber wir machen es trotzdem. Wir lästern auf der Arbeit über andere Kolleg:innen. Laut Studien kann genau dieses Lästern die Produktivität auf der Arbeit um 15 % steigern. Jonas Keppeler ist Arbeits- & Organisationspsychologe und der sagt, das hat auch mit der Evolution zu tun.
Jonas: Man kann es vergleichen mit Affen, vielleicht kennt man es ja aus den Tierdokus, die entlausen sich ja regelmäßig. Da sitzt dann der eine Affe und sucht dann bei dem anderen Affen die Läuse raus. Es ist tatsächlich so, dass man das auf dieses Tratschen übertragen kann. Die Affen machen es nicht, um die Läuse zu entfernen, sondern um einfach sozial zu interagieren und die Kontakte zu pflegen.
Sprecher: Ich wollte das nicht glauben, weil das schon bescheuert klingt: Lästern im Büro fördert die Produktivität. Wir sollen also alle lästern, um produktiver zu sein. Ich habe mich da jetzt mal schlau gemacht. Im Prinzip ist das auf die Evolution zurückzuführen, wenn wir gerne mal im Büro lästern. Also wenn die Affen sich gegenseitig entlausen, ist das auch so, wenn wir mit unseren Kolleg:innen über andere tratschen, einfach weil sie mit den anderen interagieren wollen. Die Erklärung reicht natürlich noch nicht, deshalb rede ich mit dem Arbeits- & Organisationspsychologen Jonas Keppeler. Warum sollten wir jetzt alle mehr lästern auf der Arbeit?
Jonas: In der Psychologie, in der ich auch tätig bin, ist es so, dass Lästern sogar in verschiedene Kategorien zugeordnet wird. Vor allem positiver Klatsch könnte sich auf andere positiv auswirken auf die Leute, denn man kennt es, dass eine Person weniger macht und alle anderen ziehen diese Person mit. So etwas würde man dann durch diesen Klatsch herausfinden, wenn das eine Person wäre. Das ist eine Ansicht dazu. Das Lästern fungiert ein bisschen als Immunsystem der Gruppe, weil man sieht: So wie ich mich verhalte, ist es die Norm, wie alle anderen das so machen und erwarten von mir, oder bin ich die Person, über die gerade gelästert wird? Auch deswegen kann Lästern helfen, die Fremdwahrnehmung einzuschätzen, und das ist in einem Team sehr wichtig.
Sprecher: Jetzt vermitteln wir ja den Eindruck, ihr müsst auf der Arbeit lästern, weil es euch hilft. Wann wird es zu viel? Wann kann das kippen?
Jonas: Gefährlich wird es meiner Sicht nach vor allem dann, wenn dieses Lästern zum Ersatz für wirklich konstruktive Gespräche wird. Diese offene Feedbackkultur, wenn die einfach fehlt und die Leute sich nicht trauen, etwas anzusprechen, dann wird ganz oft dieses Lästern als Ersatz für diese Feedbackkultur genutzt. Das ist natürlich ganz schlecht für Teams, ganze Organisationen und ganze Unternehmen natürlich. Aber man kann auch so weit gehen, dass Unternehmen auch wirklich einen wirtschaftlichen Schaden davontragen, vor allem wenn bösartig gelästert wird. Das führt dann zu Fehlzeiten, psychischen Belastungen wie Schlafproblemen und kann sogar zu messbarer Angst führen oder im schlimmsten Fall zu Mobbing. Das ist natürlich dann zu viel, aber auch das sehe ich leider immer häufiger in Unternehmen und da ist es unsere Aufgabe, da auch mit ranzugehen.
Sprecher: Richtig, das geht so nicht. Also sich gegenseitig kritisieren auf jeden Fall, aber alles darüber hinaus muss nicht sein. Und was dieses Lästern mit der heißgeliebten Kaffeemaschine zu tun hat, das gleich bei mir.
Sprecher: Wer auf der Arbeit lästert, ist produktiver! Das sagen Studien und wir reden schon den ganzen Tag darüber. Wir haben auch gelernt, dass wir evolutionsbedingt lästern, weil wir uns einfach austauschen wollen mit anderen. Könnt ihr also gern als Ausrede benutzen, wenn es etwas zu besprechen gibt. Außerdem hilft Lästern, wenn man etwas über die Fremdwahrnehmung über einen selbst herausfinden will, hat unser Arbeits- und Organisationspsychologe Jonas Keppeler erklärt. Und das Lästern hat auch etwas mit der Kaffeemaschine zu tun. Es gibt den sogenannten Watercooler-Effekt.
Jonas: Der Watercooler steht hier im Deutschen für den Wasserspender, denn am Wasserspender oder vielleicht auch umgangssprachlich die Kaffeemaschine, die auch manchmal besser geeignet wäre für Büros, dort treffen sich ja die Leute letztendlich, um sich auszutauschen und den Klatsch und Tratsch noch stattfinden zu lassen. Das ist genau das, was dieser Watercooler-Effekt beschreibt, denn an diesen Orten wird dann die Gerüchteküche angeschmissen und die Leute tauschen sich auch informell aus. Das heißt, dort werden auch nicht-betriebliche Themen besprochen, wo ganz häufig dieser Klatsch und Tratsch stattfindet.
Das Radiointerview zeigt deutlich: Menschen sind keine reinen Arbeitsmaschinen. Informeller Austausch gehört zum Arbeitsalltag dazu und erfüllt wichtige soziale Funktionen. Er hilft dabei, Vertrauen aufzubauen, Beziehungen zu stärken und sich im Team zu orientieren.
Der sogenannte Watercooler-Effekt macht deutlich, wie wichtig diese informellen Begegnungen sind – ob an der Kaffeemaschine im Büro oder digital im Homeoffice.
Gleichzeitig ist entscheidend, wie mit Klatsch umgegangen wird. Während positiver oder neutraler Austausch die Zusammenarbeit fördern kann, wird es problematisch, wenn daraus systematisches, bösartiges Lästern entsteht.
Für Unternehmen bedeutet das: Nicht das Lästern an sich ist das Problem – sondern fehlende Kommunikation. Eine offene Feedbackkultur ist der Schlüssel, damit Klatsch nicht zum Risiko wird, sondern im besten Fall sogar zur Stärke eines Teams.
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